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10 Jahre Home Treatment

Am 1. April 2016 nahm das Home Treatment der Erwachsenenpsychiatrie und Psychotherapie nach dem Vorbild des Luzerner Modells seinen Betrieb auf. In den vergangenen zehn Jahren hat sich das aufsuchende Angebot mehr als verdoppelt und ist aus dem Behandlungsspektrum der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich nicht mehr wegzudenken. Mehr noch: Neben psychisch erkrankten Kindern und Jugendlichen profitieren unterdessen auch ältere Patientinnen und Patienten von der Akutbehandlung im eigenen Umfeld.

Silvan Franke, Betriebsleiter Home Treatment, und Dr. med. Marius Knorr, Stv. Leiter und Oberarzt m.e.V. Zentrum für Soziale Psychiatrie

Silvan Franke, Betriebsleiter Home Treatment, und Dr. med. Marius Knorr, Stv. Leiter und Oberarzt m.e.V. Zentrum für Soziale Psychiatrie

Was vor zehn Jahren mit einem interdisziplinären Behandlungsteam bestehend aus drei Ärzten, einer Psychologin, sieben Pflegefachpersonen, einer Sozialarbeiterin, einer Ergotherapeutin und einem Betriebsleiter – alle mit breitgefächertem Fachwissen und grossem Erfahrungsschatz - begann, hat sich zu einer Erfolgsgeschichte entwickelt. Im Home Treatment werden akut psychisch erkrankte Menschen mit nahezu allen Störungsbildern sowie solche in akuten Krisen zu Hause in ihrem persönlichen Umfeld für einen begrenzten Zeitraum von durchschnittlich zwei bis vier Wochen behandelt und dadurch stationäre Klinikaufenthalte verkürzt oder ersetzt – dies ganz nach dem Motto «ambulant vor stationär».

Die Patientinnen und Patienten müssen einen festen Wohnsitz in der Stadt Zürich, am rechten Zürichseeufer, im Limmattal oder in angrenzenden Gebieten aufweisen. Die Aufnahme erfolgt ausschliesslich auf freiwilliger Basis und mit dem Einverständnis der Personen, die im selben Haushalt leben. Ausschlusskriterien sind akute Selbst- oder Fremdgefährdung, fehlende Absprachefähigkeit oder eine Abhängigkeitserkrankung als hauptsächlicher Behandlungsgrund. Das Team des Home Treatment steht rund um die Uhr zur Verfügung, sodass eine Notfallversorgung durch einen Pikettdienst auch in der Nacht und an den Wochenenden sichergestellt ist. Nach der Bewältigung der Akutphase und der Stabilisierung im gewohnten sozialen Umfeld organisiert das Team die ambulante Weiterbetreuung.

Vom Gastgeber zum Gast

Ähnlich wie die Spitex reisen die Fachpersonen des Home Treatment mit dem Velo, dem Dienstwagen oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln an den Wohnort der Patientinnen und Patienten. Da die Behandlung im Home Treatment ausschliesslich freiwillig erfolgt, freuen sich die Patientinnen und Patienten meist auf den Besuch, was die Zusammenarbeit und die Compliance im Vergleich zu einer Akutstation deutlich verbessern kann. Zu Hause ist im Vergleich zu einer Station im Spital zudem ein viel umfassenderes und tiefer greifendes Verständnis der Problemfelder wie auch der Ressourcen der Patientinnen und Patienten möglich.

Das Behandlungsteam lernt die Patienten nicht nur in ihrem selbst gestalteten häuslichen und sozialen Umfeld kennen, sondern erhält anlässlich der manchmal mehrmals am Tag stattfindenden Besuche oft auch sehr wertvolle Eindrücke hinsichtlich der Familien- und Tagesstruktur. Ausserdem ist es möglich, direkt und vor Ort Probleme des Alltags zu erkennen und an diesen zu arbeiten. Der jedoch wohl wichtigste und wertvollste Aspekt des Home Treatment ist, dass die behandelnden Personen zu Gast beim Patienten sind und nicht die Patientin als Gast in der Klinik weilt. Dies verleiht der Fachperson-Patientenbeziehung eine ganz andere Dynamik sowie eine sehr positive und konstruktive Dimension.

Oft die einzige Möglichkeit zur Behandlung

Die Patientinnen und Patienten, die im Home Treatment behandelt werden, schätzen es genauso wie ihre Angehörigen und die Nachbehandelnden sehr, zuhause und im gewohnten sozialen Umfeld verbleiben zu können und trotzdem von einer hochprofessionellen Therapie zu profitieren. Oft ist denn auch das Angebot des Home Treatment die einzige valable Möglichkeit für einige Menschen, sich psychiatrisch behandeln zu lassen, da sie beispielsweise kleine Kinder oder auch Haustiere zu Hause betreuen müssen, eine ambulante Behandlung aufgrund der Schwere ihres Leidens jedoch nicht ausreicht.

Der Organisationsaufwand des aufsuchenden Angebots ist gross – allein für die Disposition werden zwei Vollzeitstellen eingesetzt. Zudem ist das Behandlungsteam 24 Stunden pro Tag verfügbar. Trotz dieser hohen Präsenz kostet das Home Treatment 20 Prozent weniger als ein stationärer Klinikaufenthalt, weshalb alle Krankenkassen die Behandlung bezahlen, obwohl sie nicht in der Grundversorgung festgeschrieben ist. Zu Beginn hat die Psychiatrische Universitätsklinik Zürich das Home Treatment durch die Schliessung einer Akutstation mit 18 Betten finanziert.

Hohe Zufriedenheit trotz erhöhtem Risiko

Die Therapie von Patientinnen und Patienten im privaten Umfeld birgt auch Risiken. Wird ein Klient in einer psychotischen Krise gewalttätig, eilt den Fachleuten niemand zu Hilfe. Spricht eine Patientin über Suizidgedanken, muss die behandelnde Fachperson abschätzen, wie akut die Situation ist und welche Vorkehrungen zu treffen sind. Berufserfahrung ist deshalb das A und O. Vor allem aber müssen die Patienten bereit sein, Selbstverantwortung zu übernehmen. Kritische Zwischenfälle sind selten, aber es gibt sie, zumal die Patienten den Grossteil des Tages allein bewältigen. Umso wichtiger sind der Einbezug des Umfelds und die Unterstützung von der Klinik aus.

Das Ziel ist es, dass der Patient der Experte seiner Krankheit wird und handlungsfähig bleibt. Im gewohnten Umfeld gelingt dies nachweislich besser. Die engmaschige Betreuung zu Hause ist zudem im Sinn der meisten Patienten. So zeigt ein interner Vergleich, dass Patientinnen und Patienten – bei gleicher Erkrankung – im Home Treatment zufriedener sind als auf der Station.

Vorteile des Home Treatment bei Kindern und Jugendlichen schon früh erkannt

Bereits 2013 wurde das störungsspezifische Home Treatment der Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie eingerichtet, anfangs mit dem Schwerpunkt Essstörungen, seit 2016 auch für andere Störungsbilder wie Angst, Depression und Persönlichkeitsstörungen. Wie das Home Treatment in der Erwachsenenpsychiatrie zielt es darauf ab, psychisch kranke Kinder und Jugendliche sowie ihre Familien in ihrem persönlichen Umfeld zu unterstützen, bei denen eine ambulante Therapie nicht ausreicht, um die zugrundeliegenden psychischen Probleme zu behandeln, und die ohne das aufsuchende Angebot in der Regel (teil-)stationär behandlungsbedürftig werden würden oder eine sozialpädagogische Platzierung gegenwärtigen müssten. Die Kinder und Jugendlichen werden in ihrem häuslichen Umfeld auf der Basis eines gemeinsam mit der Familie ausgearbeiteten Behandlungsplans von Fachkräften aus Pflege und Sozialpädagogik für drei bis zwölf Wochen behandelt.

Home Treatment in der Alterspsychiatrie verleiht Stabilität und Würde im gewohnten Umfeld

Mit dem alterspsychiatrischen Home Treatment wird das aufsuchende Behandlungsangebot gezielt auf Menschen ab 65 Jahren ausgeweitet, deren psychische oder neurokognitive Erkrankungen eine intensive Betreuung erfordern, ohne zwingend eine stationäre Aufnahme notwendig zu machen. Gerade im höheren Lebensalter ist der Verbleib im vertrauten Umfeld von zentraler Bedeutung für Stabilität, Orientierung und Lebensqualität. Das interdisziplinäre Team begleitet ältere Patientinnen und Patienten in akuten Krisen ebenso wie bei chronischen Verläufen von Depressionen, Angststörungen sowie bei Verdacht auf oder bereits diagnostizierten neurodegenerativen Erkrankungen wie Demenz.

Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der differenzierten diagnostischen Abklärung, einschliesslich neuropsychologischer Testungen, Beurteilung kognitiver Ressourcen und funktioneller Einschränkungen sowie der sorgfältigen somatischen Mitbeurteilung. So können neurodegenerative Entwicklungen frühzeitig erkannt und gezielte therapeutische Schritte rechtzeitig eingeleitet werden. Neben der pharmakologischen und psychotherapeutischen Intervention steht die alltagspraktische Unterstützung im Mittelpunkt: Strukturierung des Tagesablaufs, Einbezug von Angehörigen, Koordination mit Hausärztinnen und -ärzten, Spitex und weiteren Versorgungsangeboten.

Das alterspsychiatrische Home Treatment trägt wesentlich dazu bei, Hospitalisationen zu vermeiden oder zu verkürzen und gleichzeitig Selbstständigkeit, Würde und Autonomie im Alter zu erhalten. Gerade für vulnerable ältere Menschen, für die ein Klinikaufenthalt mit Desorientierung, Delirrisiko oder funktionalem Abbau verbunden sein kann, stellt das Angebot eine besonders wertvolle und oft entscheidende Behandlungsoption dar.

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