Ethik in der klinischen Psychiatrie
Ethische Reflexion und patientenzentrierte, interprofessionelle Entscheidungsfindung werden an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich seit jeher gross geschrieben. Um den ethischen Herausforderungen in der klinischen Versorgung noch besser gerecht werden zu können, sollen nun klinikübergreifende Strukturen zur Ethikunterstützung geschaffen werden.
Dr. med. Anke Maatz, Dr. med. Sonja Kagerer und KD Dr. med. Gunda Siemssen leiten den Aufbau klinikübergreifender Ethikunterstützung.
Entscheidungen, bei denen es nicht um empirisch richtig oder falsch, sondern um moralische Rechtfertigung geht - in anderen Worten wertebasierte Entscheidungen -, sind in der psychiatrischen Praxis allgegenwärtig. Sie stellen sich z.B. bei jeder Form der Anwendung von Zwang, wenn Autonomie und Fürsorge gegeneinander abgewogen werden müssen, aber auch hinsichtlich der gerechten Verteilung knapper Behandlungsressourcen. Häufig lösen diese Wertekonflikte bei den Beteiligten (moralischen) Distress, also ein Belastungserleben aus, das zu Gewissensnöten und Unzufriedenheit mit der beruflichen Tätigkeit führen kann.
Aufbau klinikübergreifender Strukturen
Die gemeinsame Reflexion solcher Situationen und eine patientenzentrierte Entscheidungsfindung hatten an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich deshalb schon immer hohe Priorität. Dies widerspiegelt sich in einer Vielzahl von Konzepten und Angeboten, die von Ethiksupervision in der Alterspsychiatrie und Psychotherapie über das Forum Ethik und Recht des Kompetenzzentrums Kindes- und Erwachsenenschutzrecht bis zum Beratungsangebot der Seelsorge sowie der Fachstelle Angehörigenarbeit reichen. Diese Angebote bestehen bis anhin isoliert und stehen noch nicht allen Mitarbeitenden zur Verfügung. Gleichzeitig steigt die Nachfrage nach Unterstützung in ethisch komplexen Entscheidungssituationen.
Vor diesem Hintergrund unterstützen die Direktionen aller vier Fachbereiche der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich den Aufbau übergeordneter Strukturen für eine Ethikunterstützung im klinischen Alltag sowie für die Ethikausbildung der Mitarbeitenden. Damit entspricht die Psychiatrische Universitätsklinik Zürich auch den Empfehlungen der Schweizer Akademie der Medizinischen Wissenschaften.
Seit Herbst 2024 ist eine Arbeitsgruppe mit der Konzeption eines klinikübergreifenden, allen Mitarbeitenden zugänglichen und interprofessionellen Ethikunterstützungsangebots beauftragt. Diese setzt sich aus Vertreterinnen aller Fachbereiche zusammen, die über fundierte Zusatzqualifikationen im Bereich Medizinethik verfügen: Dr. med. Sonja Kagerer, Leiterin Zentrum für Dementielle Erkrankungen und Altersgesundheit der Alterspsychiatrie und Psychotherapie, Dr. med. Anke Maatz MA, Leitende Ärztin Zentrum für Stationäre Forensische Therapie der Forensischen Psychiatrie und Psychotherapie sowie Oberärztin in der Erwachsenenpsychiatrie und Psychotherapie, sowie KD Dr. med. Gunda Siemssen, Oberärztin Tagesklinik Winterthur der Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie. Das Projekt startete im Februar 2026 offiziell in die Initialisierungsphase. Die Arbeitsgruppe hat unterdessen bereits begonnen, bestehende Angebote zu vernetzen und Bedürfnisse zu erheben. Zudem hat sie erste Pilotangebote für Ethikunterstützung erfolgreich lanciert und getestet. Darüber hinaus wurden im Sinne des Erfahrungsaustauschs und Wissenstransfers relevante lokale, nationale und internationale Kontakte im Bereich Medizinethik geknüpft.
Kooperation mit externen Fachstellen
Im Rahmen des Projekts ist der Einbezug weiterer Berufsgruppen ein fester Bestandteil. Ziel ist es, durch die institutionelle Verankerung von klinischer Ethik zur Verbesserung der Versorgungsqualität, der Erhöhung der Entscheidungssicherheit und Zufriedenheit von Mitarbeitenden sowie zu einem optimierten Risikomanagement der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich beizutragen. Neben dem Angebot klassischer ethischer (Einzel-)Fallbesprechungen, regelmässiger Weiterbildungen und der Erarbeitung ethischer Leitlinien für wiederkehrende Fragestellungen ist auch die Entwicklung innovativer, für die jeweiligen lokalen psychiatrischen Bedürfnisse spezifischer Angebote geplant. In Kollaboration mit lokalen, nationalen und internationalen Partnerinstitutionen, insbesondere dem Institut für Biomedizinische Ethik an der Universität Zürich unter der Leitung von Prof. Dr. Dr. Nikola Biller-Andorno, sollen diese Prozesse auch in aktuelle biomedizinische Forschung eingebunden werden.