Wilhelm Griesinger ist im 19. Jahrhundert eine für die Etablierung der Psychiatrie als medizinische Wissenschaft entscheidende Figur. Er verbindet die Forderung nach empirischer Forschung mit naturwissenschaftlichen Methoden unter besonderer Berücksichtigung der Hirnfunktion mit einem nachhaltigen sozialpsychiatrischen Engagement. Er ist der ärztliche Mentor in der Planungsphase des Burghölzli.

Wilhelm Griesinger ist für die sich entwickelnde Psychiatrie des 19. Jahrhunderts und darüber hinaus aus zwei Gründen eine prägende Figur: Zum einen ist seine Forderung zu nennen, die Psychiatrie müsse sich ebenso wie die anderen medizinischen Fächer in der Forschung auf empirische Untersuchungen und nicht auf spekulative theoretische Konzepte verlassen. Er will sie an das Selbstverständnis der Naturwissenschaften heranführen und betont die Bedeutung des Organs Gehirn. Freilich wird dies häufig dahingehend missverstanden, dass Griesinger einen plumpen Materialismus vertrete, der das Psychische zu einem blossen Epiphänomen neuronaler Vorgänge mache. In Tat und Wahrheit vertritt er aber einen wesentlich differenzierteren Standpunkt: Zwar wird in der Literatur insoweit zu Recht von Griesingers «methodischem Materialismus» gesprochen, als er nachhaltig – analog den Naturwissenschaften – quantifizierende Forschungsmethoden etwa in der Neuroanatomie oder -pathologie fordert. Für ihn ist aber ein solcher Ansatz sehr wohl kompatibel mit der Anerkennung der Eigenständigkeit des Psychischen bis hin zur zentralen Funktion des Bewusstseins. Dies ist der Hintergrund seines berühmt gewordenen (und meist verkürzt wiedergegebenen) Diktums, wonach Geisteskrankheiten Gehirnkrankheiten seien.

Zum anderen geht es um die versorgungsbezogene und sozialpsychiatrische Perspektive: Griesinger setzt sich konsequent für das zunächst im englischen Sprachraum verbreitete Prinzip des «no-restraint» ein, also des möglichst weitgehenden Verzichts auf Zwangsmassnahmen bei der psychiatrischen Behandlung. Überdies gehört er zu den Begründern wirksamer sozialpsychiatrischer Ansätze, als er die Forderung aufstellt und in Berlin praktisch umzusetzen versucht, psychisch kranke Menschen seien wohnortnah und, wo immer möglich, ambulant zu behandeln, um längere stationäre Aufenthalte in entlegenen Grosskrankenhäusern zu vermeiden. Die Idee der zu diesem Zweck zu gründenden «psychiatrischen Stadtasyle» steht am Beginn der Entwicklung hin zu den heutigen sozialpsychiatrischen Diensten, Ambulatorien und tagesklinischen Einrichtungen. Diese Dimension gehört eben auch, und zwar massgeblich, zu Griesingers Psychiatrieverständnis, das insoweit neurowissen-schaftliche, individuell-psychologische und soziale Aspekte beinhaltet.

Da Wilhelm Griesinger 1864, sechs Jahre vor der Eröffnung des Burghölzli, nach Berlin übersiedelt, muss für das Direktorat eine andere Lösung gefunden werden. 1869 wird Bernhard von Gudden zum ersten Direktor der im Folgejahr zu eröffnenden Klinik ernannt.

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